Alptraum Tschernobyl

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Mit einer 30 stündigen Mahnwache erinnerten wir Tübinger Greenpeace-Aktivisten von Montag, 25. April 2016, 16 Uhr bis Dienstag, 26. April  2016, 22 Uhr auf dem Holzmarkt in Tübingen an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 30 Jahren. Plakate mit Atomunfällen aus der ganzen Welt, die in der Innenstadt verteilt wurden, sollten daran erinnern: Tschernobyl ist überall. Wir zeigten auch ein fast 30 Jahre altes Protestbanner, dass schon kurz nach dem Atomunfall in der Gruppe gemalt und für Mahnwachen verwendet wurde. Man konnte ihm sein Alter ansehen, die Farbe an vielen Stellen abgeblättert, mehrere Risse hier und dort. Ein Symbol für die zerbröckelnde erste provisorische Schutzhülle aus Stahl und Beton, die nach dem Unfall in aller Eile von tausenden sogenannter „Liquidatoren“ um den von zwei Explosionen zerrissenen Reaktorblock errichtet wurde, um die Umwelt vor der zerstörerischen Strahlung zu schützen. Die AKW-Ruine stellt seit Jahren eine Gefahr für die ganze Region dar. In dem Sarkophag hat sich radioaktiver Staub angesammelt, der sich bei einem Einsturz dutzende Kilometer in der Umgebung verstreuen kann. Deshalb soll ein riesengroßer zweiter Sarkophag aus Stahl und Beton gebaut und auf Schienen über den zerstörten Reaktorblock geschoben werden. Nachdem sich das Projekt jahrelang verzögert und immer weiter verteuert hat, beginnen 2012 endlich die Bauarbeiten. Im Frühjahr 2016 sieht es so aus, als ob 2017 die Schutzhülle tatsächlich fertig werden könnte. Dann wäre wenigstens die Kernschmelze wieder unter einer schützenden Hülle. Doch die Radioaktivität aus der Umwelt holt niemand mehr zurück.

Vor 30 Jahren haben wir hier in Deutschland dass erste Mal so richtig kapiert, dass Atomkraftwerke nicht sicher sind, dass es so etwas wie einen "GAU", einen größten anzunehmenden Unfall, überhaupt geben kann - und dass auch wir davon betroffen sein können. Dieser erste Super-GAU in der zivilen Atomnutzung hat das Vertrauen in diese Technik mit einem Schlag zu radioaktivem Staub zerfallen lassen.

Ich war damals fast 14 Jahre alt. Ich kann mich noch gut an die tägliche Verlesung der Becquerel-Werte von Salat und Milch im Radio erinnern. Wir saßen meistens mit der Familie gerade beim Mittagessen, wenn sie im Nachrichtenteil im Radio kamen. Ich habe immer ganz angespannt auf die Zahlen gewartet und gehofft dass sie bald runtergehen. Ich kann mich noch gut an das gruselige Gefühl erinnern, die die Nachrichten jedes Mal in mir hinterlassen haben. Die Unsicherheit, die Angst und die vielen Fragezeichen in den folgenden Tagen und Wochen. Das Datum hat sich für mich und vermutlich für alle, die diese Zeit bewusst erlebt haben, fest und für immer ins Gehirn gebrannt - und ich werde dieses Datum niemals mit etwas anderem verbinden.

Es ist ein komisches Gefühl, wenn junge Menschen, die damals noch nicht geboren oder noch sehr klein waren, mit diesem Datum und "Tschernobyl" nichts anfangen können. Noch nie davon gehört haben oder wenn dann nur am Rande. Es macht sich dann eine Mischung aus Unverständnis und Unglauben in mir breit und ich  frage mich, wie sein kann, dass eine so menschheitsbedrohende Katastrophe nicht in den Köpfen eingebrannt ist, wie andere Daten, die jede Schülerin oder jeder Schüler aufzählen kann. Vor allem, weil wir mit diesem Wahnsinn der Atomkraftwerke hier in Deutschland und im nahen Ausland noch auf Jahre hinaus leben müssen, mit der tagtäglichen Gefahr - ganz abgesehen von den Hinterlassenschaften des Atommülls, der uns und nachfolgende Generationen noch auf Jahrtausende verfolgen wird.

Zwar ließ die Bundesregierung 2011 die sieben ältesten Reaktoren und den Pannenmeiler Krümmel abschalten, doch die letzten drei AKW werden erst 2022 vom Netz gehen – trotz gestiegener Terrorgefahr. Zudem ist Deutschland jenseits der Landesgrenzen umgeben von französischen, belgischen, tschechischen und Schweizer Atomkraftwerken. Die Bundesregierung muss in diesen Ländern mehr Druck für ein schnelles Abschalten der Reaktoren zu machen. Es ist ein Skandal, dass Schrottmeiler wie Fessenheim, Tihange und Doel immer noch Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenzen bedrohen. Eine "friedliche" Nutzung der Atomenergie gibt es nicht.

Bis heute kann die Gesamtzahl der Opfer des Reaktorunglücks in Tschernobyl nur geschätzt beziehungsweise indirekt abgeleitet werden – ein Umstand, den die Atomlobby und in ihrem Gefolge die WHO sich zunutze macht, um die Folgen der Katastrophe zu beschönigen und zu verharmlosen: mit Zahlen im zweistelligen Bereich. Doch Experten gehen davon aus, dass nach Tschernobyl rund 100.000 Menschen sterben, Hunderttausende erkrankt sind. Nach neuesten Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums leben in der Ukraine derzeit rund 3500 Kinder mit Behinderungen infolge der Reaktorkatastrophe. Ihre Eltern hielten sich entweder 1986 in der Nähe des Unfalls auf, arbeiteten als sogenannte Liquidatoren in Tschernobyl oder müssen heute noch immer auf kontaminiertem Boden leben. 418.000 Kinder stehen permanent unter besonderer ärztlicher Kontrolle.

Hunderttausende Menschen standen nach dem Super-GAU vor dem Nichts. Nur mit dem Allernötigsten ausgestattet, wurden sie evakuiert oder mussten ihr Zuhause fluchtartig verlassen. Verwaiste Dörfer und die Geisterstadt Pripjat erzählen davon. Fünf Millionen Menschen leben heute noch in kontaminierten Regionen, ernähren sich teils von kontaminierten Lebensmitteln. Die Angst vor der Strahlung ist ihr täglicher Begleiter.

Es waren für uns 30 sehr kalte und sehr regnerische Stunden, die wir auf dem Holzmarkt verbracht haben um an Tschernobyl und die Opfer zu erinnern. Die Resonanz der Passanten war sehr gut und viele waren dankbar, dass wir dort so lange ausgeharrt haben um diesen denkwürdigen Tag und die damaligen Ereignisse präsent zu machen.

Wir wollten mit der Aktion zeigen, dass wir es den Opfern von Tschernobyl schuldig sind, aus der Atomkraft auszusteigen. Der Unfall von Tschernobyl ist ein Albtraum, der seit 30 Jahren andauert und auch in Tausenden von Jahren noch nicht vorbei sein wird. Wir sollten alles dafür tun, dass so etwas nie wieder geschieht.

Der Reaktorunfall:
AKW Tschernobyl, Block 4: In der Nacht des 26. April 1986, um 1 Uhr 23, sprengt nach einem missglückten Test aufgrund von Konstruktionsfehlern eine gewaltige Dampfexplosion den tausend Tonnen schweren Deckel des Reaktorkerns, drei Sekunden später zerfetzt eine Wasserstoffexplosion den Kern. Er brennt zehn Tage lang und setzt eine gigantische Wolke an Radioaktivität frei. Zehntausende Menschen sterben, die Friedhöfe in den verstrahlten Gebieten legen Zeugnis davon ab. Große Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands werden verstrahlt. Der Wind treibt die strahlende Wolke mehrmals um die Welt. Sie trifft auch weite Teile Europas.
 

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